Was die Regel sagt
Im ersten Jahr entnimmst du 4 % des Vermögens, das du zu Beginn des Ruhestands hast. In jedem weiteren Jahr entnimmst du denselben Betrag, erhöht um die Inflation, unabhängig davon, wie sich die Börse entwickelt.
Regel
Entnahme in jedem weiteren Jahr = Vorjahresbetrag × (1 + Inflation)
Mit 750.000 € sind das 30.000 € im ersten Jahr, 2.500 € im Monat. Bei 2 % Inflation werden es im zweiten Jahr 30.600 €, im dritten 31.212 €. Die Kaufkraft der Entnahme bleibt gleich; ihr Anteil am jeweils aktuellen Vermögen schwankt dagegen mit der Börse.
Woher sie kommt
Der US-Finanzplaner William Bengen untersuchte 1994, welche Entnahmerate in jedem historischen Zeitraum seit 1926 gereicht hätte, mit einem Depot aus US-Aktien und US-Staatsanleihen. Sein Ergebnis: 4 % hielten selbst bei den ungünstigsten Startjahren mindestens 30 Jahre. 1998 bestätigte die sogenannte Trinity-Studie, benannt nach der Trinity University in Texas, das Bild mit verschiedenen Aktienanteilen und Zeiträumen.
Die Regel ist damit ein Befund aus einem bestimmten Markt und einer bestimmten Zeit, kein Naturgesetz. Die USA hatten im 20. Jahrhundert einen der erfolgreichsten Aktienmärkte der Welt. Der Ökonom Wade Pfau rechnete 2010 mit Daten aus 17 Ländern von 1900 bis 2008: Nur in vier davon wären 4 % in jedem Zeitraum sicher gewesen. Für Deutschland lag der schlechteste Wert bei 1,1 %, für einen Ruhestand ab 1914, und 4 % scheiterten in einem Viertel der 30-Jahres-Zeiträume. Eine Studie mit Daten aus 38 Industrieländern kam 2025 auf 2,3 %, wenn das Risiko, dass das Geld ausgeht, höchstens 5 % betragen soll.
Die Spanne der Einschätzungen ist entsprechend breit. Bengen selbst hält mit breiter gestreuten Depots inzwischen 4,7 % für tragfähig (2025); das Analysehaus Morningstar kam Ende 2025 für US-Anleger mit 30 bis 50 % Aktien auf 3,9 %. Für Anleger in Deutschland gibt es keine vergleichbare Studie mit einem weltweiten Aktien-ETF in Euro; die oft genannten 3 bis 3,5 % sind eine Faustregel, kein Forschungsergebnis.
Was sie voraussetzt
- 30 Jahre: Wer mit 55 aufhört und mit 95 rechnet, braucht 40.
- Einen hohen Aktienanteil: In den Studien typischerweise 50 bis 75 %.
- Keine Kosten und keine Steuern: Fondskosten und Steuern auf Gewinne verringern, was tatsächlich entnommen werden kann.
- Starre Entnahmen: Auch im Crash wird nicht gekürzt.
- Reichen, nicht erhalten: Erfolg heißt, das Geld reicht 30 Jahre. In manchen Verläufen ist am Ende fast nichts mehr übrig.
Mit deinen Zahlen
Vorbelegt mit 750.000 € und 4 % über 30 Jahre. Die Voreinstellung (7 % Rendite, 2 % Inflation, 12 % Schwankung) entspricht grob einem breit gestreuten Depot mit hohem Aktienanteil; sie ist eine Annahme, keine Prognose.
30.000 € im Jahr, 2.500 € im Monat
Das reicht in 84 % von 2.000 Marktverläufen 30 Jahre.
Für 90 % Sicherheit: bis 3,6 % (27.108 € im Jahr). Für 95 %: bis 3,2 %.
Wahrscheinlichkeit, dass das Geld 30 Jahre reicht, je Entnahmerate
99 %3,0 %
97 %3,5 %
91 %4,0 %
84 %4,5 %
75 %5,0 %
64 %5,5 %
52 %6,0 %
41 %
Restvermögen in heutigen Euro
Entnahmen jeweils zu Jahresbeginn, gleich hoch in heutigem Geld. Ohne Steuern, Krankenversicherung und weitere Einkünfte wie Rente oder Mieten. Keine Prognose und keine Empfehlung.
Wie stark die Annahmen zählen
Ein Monte-Carlo-Rechner ist nur so gut wie seine Annahmen. Wie wahrscheinlich eine Entnahmerate 30 Jahre hält, hängt vor allem von der erwarteten Rendite ab. Bei 2 % Inflation und 12 % Schwankung:
| Rendite pro Jahr | 4 % hält in | 3,5 % hält in | 3 % hält in | Rate für 90 % |
|---|---|---|---|---|
| 5 % | 62 % | 75 % | 86 % | 2,8 % |
| 6 % | 74 % | 84 % | 92 % | 3,2 % |
| 7 % | 84 % | 91 % | 97 % | 3,6 % |
| 8 % | 91 % | 96 % | 99 % | 4,1 % |
Mehr Schwankung senkt die Werte weiter: Mit 15 statt 12 % Schwankung und 7 % Rendite hält die 4-Prozent-Regel noch in 74 % der Verläufe. Das Modell zieht jedes Jahr unabhängig; in echten Märkten folgten auf schlechte Phasen oft bessere. Monte-Carlo- Ergebnisse fallen deshalb meist etwas vorsichtiger aus als historische Rückrechnungen.
Was sich in Deutschland ändert
- Steuern: Entnahmen aus einem ETF-Depot bestehen zum Teil aus Gewinn. Darauf fallen Abgeltungsteuer und Solidaritätszuschlag an, bei Aktienfonds auf 70 % des Gewinns. Bis zum Sparerpauschbetrag von 1.000 € im Jahr (2.000 € bei Zusammenveranlagung) bleiben Erträge steuerfrei.
- Krankenversicherung: Wer vor der Rente aufhört und freiwillig gesetzlich versichert ist, zahlt Beiträge auch auf Kapitalerträge und Mieten. Das sind schnell einige Hundert Euro im Monat, die zusätzlich entnommen werden müssen.
- Gesetzliche Rente: Ab Rentenbeginn deckt sie einen Teil der Ausgaben, das Depot muss dann nur noch die Lücke füllen. Vorher trägt es alles. Diese zwei Phasen rechnet der Ratgeber Wann kann ich in Rente gehen? durch.
- Währung: Die Studien rechneten in US-Dollar mit US-Inflation. Wer in Euro lebt und weltweit anlegt, trägt zusätzlich Währungsschwankungen.
Früher in den Ruhestand
Je länger das Geld reichen muss, desto niedriger ist die tragfähige Rate. Mit den Voreinstellungen des Rechners:
| Zeitraum | 4 % hält in | Rate für 90 % |
|---|---|---|
| 20 Jahre | 98 % | 4,9 % |
| 30 Jahre | 84 % | 3,6 % |
| 40 Jahre | 71 % | 3,0 % |
| 50 Jahre | 62 % | 2,7 % |
In der FIRE-Bewegung (Financial Independence, Retire Early), die einen Ausstieg deutlich vor dem Rentenalter anstrebt, wird deshalb häufig mit 3 bis 3,5 % gerechnet.
Das Reihenfolgerisiko
Im Ruhestand zählt nicht nur die Durchschnittsrendite, sondern auch ihre Reihenfolge. Ein Beispiel: 750.000 €, jedes Jahr 30.000 € Entnahme, 29 Jahre mit gleichmäßig 4,9 % realer Rendite und ein einziges Jahr mit 30 % Verlust.
| Das Verlustjahr ist | Vermögen nach 30 Jahren |
|---|---|
| das erste Jahr | rund 89.000 € |
| das zwanzigste Jahr | rund 600.000 € |
| kein Verlustjahr | rund 1,1 Mio. € |
Dieselben Renditen, nur in anderer Reihenfolge. Kommt der Einbruch gleich zu Beginn, verkaufst du in der Tiefe, um die Entnahme zu bezahlen, und dieses Geld fehlt bei der Erholung. Die ersten Jahre des Ruhestands sind deshalb die riskantesten.
Flexibel entnehmen
Starre Entnahmen sind die strengste Annahme. Wer in schlechten Jahren etwas kürzer treten kann, kommt mit einer höheren Rate aus. Verbreitete Ansätze:
- Leitplanken: Steigt die aktuelle Entnahmerate durch Kursverluste deutlich über den Startwert, wird die Entnahme gekürzt, etwa um 10 %; nach guten Jahren darf sie steigen.
- Keine Inflationsanpassung nach Verlustjahren: Der Betrag bleibt dann ein Jahr gleich.
- Puffer: Ein bis zwei Jahresentnahmen in Tagesgeld, damit im Crash nicht verkauft werden muss.
- Fester Prozentsatz vom aktuellen Vermögen: Das Geld geht nie ganz aus, dafür schwankt das Einkommen mit der Börse.
Wie viel Vermögen brauche ich?
Umgekehrt gerechnet liefert die Regel eine Zielgröße:
Formel
| Lücke pro Monat | bei 4 % | bei 3,5 % | bei 3 % |
|---|---|---|---|
| 1.000 € | 300.000 € | 343.000 € | 400.000 € |
| 2.000 € | 600.000 € | 686.000 € | 800.000 € |
| 3.000 € | 900.000 € | 1.029.000 € | 1.200.000 € |
Gemeint ist die Lücke, die gesetzliche Rente, Betriebsrente und Mieten nicht decken, vor Steuern und Krankenversicherung. Wie groß sie bei dir ist, rechnet der Ratgeber Rentenlücke berechnen aus.
Quellen
- 01Pfau (2010): An International Perspective on Safe Withdrawal Rates, Arbeitspapier
- 02Anarkulova, Cederburg, O’Doherty, Sias (2025): Journal of Pension Economics and Finance
- 03Advisor Perspectives (2025): Bill Bengen boosts the 4 % rule to 4.7 %
- 04Morningstar (2025): Safe withdrawal rate für den Ruhestand ab 2026
- 05§ 20 Abs. 9 EStG: Sparer-Pauschbetrag
Regeln und Zahlen mit Stand